Die Währungs-, Schulden- und Wirtschaftskrise in der Türkei. Von teuren Zwiebeln bis zu Erinnerungen an ein Gespenst namens Asienkrise

Vom Jahresanfang bis Mitte August 2018 hat die türkische Währung gegenüber dem US-Dollar 45 Prozent an Wert verloren – das Land rutscht immer tiefer in eine Wirtschaftskrise. Darüber wurde hier bereits berichtet (vgl. Die Türkei und „die“ Märkte. Der Absturz der türkischen Währung diesseits und jenseits der Trumpschen Strafzollorgien und Erdogans Allmachtsphantasien vom 12. August 2018). Die Folgen sind nicht nur auf der Ebene der abstrakten Wirtschaftszahlen verheerend. »Fleisch und selbst Kartoffeln und Zwiebeln werden knapp. Und Familien zerstreiten sich über Politik«, kann man einem Gastbeitrag eines türkischen Autors für die WirtschaftsWoche entnehmen, der bezeichnenderweise lieber anonym bleiben möchte: Innenansicht aus der Türkei: Essen wird knapp, Familien zerstreiten sich, so ist der überschrieben. »Die Preise für Lebensmittel sind in den letzten Monaten exorbitant gestiegen, teilweise um 200, 300 Prozent … Im Juli etwa gab es in der Türkei eine regelrechte „Kartoffelkrise“: Während das Kilo jahrelang nur etwa 1,5 bis 2 Lira gekostet hat, wurde es plötzlich für 7 oder gar 8 Lira verkauft. Inzwischen hat sich der Preis bei 3,5 bis 4 Lira eingependelt. Eine ähnliche Entwicklung hat der Preis für Zwiebeln genommen. Das ist besonders problematisch, weil Kartoffeln und Zwiebeln Grundnahrungsmittel für die Türken sind. Sie waren immer die günstigsten Lebensmittel, für jeden erschwinglich. Inzwischen aber ist der tägliche Einkauf für viele Türken zum Luxus geworden.« Und natürlich hat der Kursverfall der türkischen Lira seine Folgen: »Am schlimmsten ist die Teuerung bei Produkten aus dem Ausland: Kleidung, Smartphones und andere Elektrogeräte sind für viele Menschen hier geradezu unbezahlbar. Viele Ladenbesitzer müssen ihre Güter in US-Dollar kaufen, sie dann aber in wertloser Lira verkaufen. Das minimiert vor allem den Gewinn von kleinen Geschäften drastisch.«

Das alles sind dann Auswirkungen dessen, was ganz oben passiert. Denn „die“ Märkte haben die Türkei ins Visier genommen und sie verlangen Opfer. Beispielsweise in Form von deutlich höheren Leitzinsen, nicht nur, aber auch um zu prüfen, ob da Machtübernahme in der Türkei durch die Familie Erdogan (der neue Finanzminister beispielsweise ist der Schwiegersohn von Erdogan und der will bekanntlich das Gegenteil von höheren Zinsen). Die hohen Zinsen haben nun wiederum Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Aktivitäten und wie man aus jedem volkswirtschaftlichen Lehrbuch weiß, keine guten. Auf alle Fälle wird das Wirtschaftswachstum deutlich abgebremst.

Über welches Niveau wir hier reden müssen? Bis vor kurzem lagen die Leitzinsen in der Türkei bei 17,75 Prozent. Und das galt als „zu wenig“ (für Erdogan hingegen „viele zu hoch“). Mit Spannung wurde deshalb darauf gewartet, wie sich die türkische Zentralbank verhalten wird, nachdem Erdogan neue familiäre Außenposten im System installiert hat. Und dann das: Türkische Notenbank stellt sich gegen Erdogan, so die FAZ. »Die türkische Notenbank hat die Finanzmärkte überrascht und die Zinsen deutlich stärker erhöht, als im Vorfeld erwartet worden war. Das Schwellenland hat sich damit wieder etwas Luft in der Währungskrise verschafft. Die Zentralbank hob den Schlüsselsatz zur Geldversorgung der Geschäftsbanken von 17,75 auf 24 Prozent an. Ökonomen hatten lediglich mit 22 Prozent gerechnet.« Sofort reagierte die Lira mit einer leichten Aufwärtsbewegung. »Man werde den strafferen geldpolitischen Kurs durchziehen, bis die Inflation nachlasse, teilte die Notenbank mit. Falls nötig würden zudem weitere Zinserhöhungen folgen. Zentralbank-Chef Murat Cetinkaya begründete die deutliche Anhebung des Leitzinses mit „erheblichen Risiken“ für die Preisstabilität. Die Teuerungsrate in der Türkei war zuletzt auf knapp 18 Prozent gestiegen.«

Ganz offensichtlich wollte man ein deutliches Signal nach außen senden, was die kritisch beäugte Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank angeht. Aber Erdogan, der diese Tage zu einem Staatsbesuch in Deutschland weilt, sieht das alles ganz anders:  „Zinsen sind der Grund und die Inflation die Folge“, so wird Erdogan zitiert. Wer das Gegenteil glaube, habe „nichts verstanden“. Erdogan bezeichnete Zinsen als „Instrumente der Ausbeutung“. Und er konterte auf seine Weise: Irgendwann sei seine Geduld mit den Notenbankern „auch am Ende“. Umgehend war die Stabilisierung des Wechselkurses wieder weg.

Und Erdogan setzt auf staatliche Vorgaben und starke präsidiale Eingriffe: So sollen Exportunternehmen 80 Prozent ihrer Deviseneinnahmen in Lira umtauschen müssen. Das würde die von Rohstoffimporten abhängige und mit 330 Milliarden Dollar hoch im Ausland verschuldete türkische Wirtschaft stark belasten. »Ebenso untersagte Erdogan türkischen Unternehmen per Erlass, Geschäfte miteinander in einer anderen Währung als der Lira abzuwickeln, obgleich derzeit selbst viele Regierungsaufträge in Dollar oder Euro entlohnt werden. Verträge müssen nun innerhalb von 30 Tagen geändert werden. Diese Frist gilt auch für Immobiliengeschäfte sowie Leasingverträge von Fahrzeugen in ausländischer Währung. Sie müssen ebenso künftig in Lira abgeschlossen werden. Dies gilt nicht nur für neue Kauf- und Mietverträge, auch alle bereits in einer ausländischen Währung abgeschlossenen Verträge müssen in dieser Frist auf Lira umgeschrieben werden.« Man sollte das vor diesem Hintergrund einordnen: »Das Dekret werde völliges Chaos verursachen, sagte Hulusi Belgu, Leiter des türkischen Verbands der Einkaufszentren. Die Mitgliedsunternehmen seien mit 15 Milliarden Dollar verschuldet. 70 Prozent der Mietverträge lauteten auf ausländische Währungen.«

Das passt dann zu solchen Berichten: Wie Erdogan die Kontrolle über die Wirtschaft übernimmt: »Nach der Wahl im Juni hofften die Märkte noch auf den als Aushängeschild des wirtschaftlichen Sachverstands bekannten Mehmet Şimşek. Der aber ging leer aus, und soll sich mittlerweile nach London abgesetzt haben. Von der liberalen Riege, die seit 2002 eine im Großen und Ganzen kluge Wirtschaftspolitik betrieb, ist nun keiner mehr übrig. Was bleibt, ist Erdoğans Klammergriff, der eine Renationalisierung des einstigen Investoren-Lieblingslandes exekutiert.« Und auch hier tauchen die jüngsten Verordnungen Erdogans auf: »Thilo Pfahl von der Handelskammer in Istanbul traute jedenfalls seinen Augen kaum, als er die Verordnung 2018–32/48 auf den Tisch bekam. Darin heißt es, deutsche Unternehmen müssten von nun an 80 Prozent ihrer Exporterlöse in türkische Lira zwangskonvertieren. „Das sorgt für Unruhe und Verunsicherung unter deutschen Unternehmern“, sagt Pfahl. Klingt nicht gerade nach idealen Voraussetzungen für mehr Investitionen.«

Nicht nur das – vor diesem Hintergrund sind dann auch solche Meldungen nicht wirklich überraschend: Investoren bringen Milliarden in Deutschland in Sicherheit: »Allein zwischen April und Juni stieg der Nettokapitalzufluss aus der Türkei nach Deutschland auf 4,6 Milliarden Euro.« Die Zahle stammt von der Bundesregierung – die zugleich versucht, zu beruhigen: »Die Bundesregierung beziffert die Forderungen deutscher Banken an in der Türkei ansässige Unternehmen auf insgesamt 20,8 Milliarden Euro. Dies entspreche weniger als 0,3 Prozent der aggregierten Bilanzsumme des deutschen Bankensektors.« Also alles halb so schlimm?

Das ist natürlich immer eine Frage, auf was und wen man das bezieht und von welchem Szenario man ausgeht. Geht die Türkei pleite, hat der Westen ein 223-Milliarden-Problem, so ist beispielsweise ein Artikel von Holger Zschäpitz überschrieben. Er argumentiert so:

»Erdogans Banken stehen vor einer ernsten Liquiditätskrise. „Die Zinsanhebung macht das Schuldenproblem des Landes nicht vergessen“, heißt es in einer Analyse des unabhängigen Researchhauses Oxford Economics. Nach Berechnungen der Experten hat die Türkei kurzfristige Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland von 180 Milliarden Dollar, die meisten werden von den Geldhäusern am Bosporus gehalten.
Aber die Devisenreserven von Geschäftsbanken und Notenbank reichen nicht aus, um die Verpflichtungen zu decken. „Die Devisenknappheit ist ein Grund dafür, warum die Lira-Krise jetzt zu einer Finanzierungskrise werden könnte“, schreibt Nafez Zouk, Ökonom bei Oxford Economics. Die Türken sind damit auf das Wohlwollen der ausländischen Gläubiger angewiesen, die kurzfristig fällig werdenden Kredite zu prolongieren.«

Hinzu kommt: »Wegen der Leitzinsanhebung von 17,75 auf 22 Prozent ist das Geld für die Banken auch in heimischer Währung extrem teuer geworden. Viele Geschäftsbanken haben ihre langfristigen Geschäfte mit kurzfristigen Krediten finanziert. Damit laufen sie jetzt in eine Art Geldklemme. Das Problem erinnert ein wenig an die US-Investmentbank Lehman Brothers, die vor zehn Jahren unterging. Auch sie hatte ihre langfristigen Geschäfte mit kurzfristiger Liquidität etwa von Geldmarktfonds gegenfinanziert. Am sogenannten Repo-Markt werden Kredite teilweise von Tag zu Tag verlängert. Als dann das Vertrauen in Lehman schwand, trocknete der billionenschwere Markt plötzlich aus und die US-Bank war am Ende.«

Bangen müssen auch westliche Banken. Sie haben Erdogans ökonomischen Aufstieg teilweise mitfinanziert. Sollte es zu Ausfällen kommen, müssten auch Institute in Spanien, Italien oder auch Deutschland Abschreibungen hinnehmen. Die BIZ hat darauf hingewiesen, dass westliche Banken 223 Milliarden Dollar in der Türkei im Feuer haben. Das Gros davon, nämlich 135 Milliarden Dollar, haben sie Unternehmen geliehen, 50 Milliarden Dollar den Geschäftsbanken und den Rest dem türkischen Staat. Dazu kommen noch weitere Engagements in Derivaten und sonstigen Garantien.

Der dramatische Absturz der Lira im August war nur der vorläufige Höhepunkt eines Wertverfalls der türkischen Währung, der schon seit langem im Gang ist, meint Michael Krätke in seinem Beitrag Fliehendes Geld. »Denn das Leistungsbilanzdefizit der Türkei wächst seit Jahren und hat inzwischen ein beachtliches Niveau erreicht – 5,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Handelsbilanzdefizit allein beträgt jetzt rund sieben Prozent. In diesen Zahlen drückt sich die dahinterliegende Krise aus: die Krise des türkischen Wirtschaftswunders, dem Erdoğan und seine Partei, die AKP, ihren Aufstieg verdanken.« Hinter der akuten Währungskrise steht eine Schuldenkrise. Mehr als 470 Milliarden Dollar an Auslandsschulden haben türkische Unternehmen und Banken angehäuft.

»Wie andere Schwellenländer auch hat die Türkei recht erfolgreich eine Wachstumspolitik auf Pump betrieben – dank der Niedrigst- beziehungsweise Nullzinspolitik in der EU und in den USA ging das lange gut. Der weitaus größte Teil der internationalen Anleihen (90 Prozent) und der größte Teil der internationalen Bankkredite (80 Prozent) von Unternehmen und Privathaushalten wurden in Fremdwährungen aufgenommen, vor allem in Dollar und Euro. Mit fallendem Lirakurs und jedem Anstieg des Dollar- und Eurokurses steigt die Last dieser Auslandsschulden, die in Dollar und Euro bedient werden müssen.
Die Zinswende in den USA ist für die Türkei deshalb fatal. Dreimal hat die Fed in diesem Jahr schon die Zinsen erhöht, eine vierte Zinserhöhung wird im Herbst oder Winter erwartet. Allen ausländischen Gläubigern ist klar, dass eine wachsende Zahl von türkischen Unternehmen und Privatleuten ihre Auslandsschulden bald nicht mehr wird bezahlen können. Ein türkischer Staatsbankrott steht nicht zu befürchten, dafür ist die türkische Staatsverschuldung im Ausland nicht hoch genug. Wohl aber serienweise Bankrotte von Unternehmen, von Banken und Privatleuten, also eine regelrechte Schuldenkrise. Und eine Zahlungsbilanzkrise, weil sich ausländische Anleger weigern werden, das türkische Leistungsbilanzdefizit weiter zu finanzieren. Im Gegenteil, sie ziehen jetzt schon ihr Kapital aus der Türkei ab. Mit jeder Zinserhöhung in den USA oder in Europa, mit jedem Anziehen des Dollar- und Eurokurses verstärkt sich die Kapitalflucht.«

In den nächsten Monaten müssen türkische Unternehmen und Banken 182 Milliarden Dollar an Auslandsschulden zurückzahlen oder refinanzieren. Das wird von Tag zu Tag schwieriger. Und man sollte auch das sehen: Eine türkische Finanzkrise kann sich sehr rasch zu einer internationalen Finanzkrise ausweiten, denn »viele Schwellenländer haben eine ganz ähnliche Wachstumspolitik mittels Auslandskrediten in Dollar, Euro und Yen betrieben wie die Türkei. Das Ausmaß der Dollar-Verschuldung in allen Schwellenländern hat sich seit 2008 verdreifacht, alle profitierten wie die Türkei von der Politik des ultrabilligen Geldes im Westen.  Wie die Türkei sitzen Länder wie Argentinien, Mexiko, Indien, Brasilien, Südafrika und Russland in der Auslandsschuldenfalle, die nun zuschnappt.«

Und als mögliche Blaupause für das, was in den kommenden Monaten passieren könnte, lenkt Krätke den Blick auf ein Gespenst: »Ein Gespenst geht heute um in der Finanzwelt: das Gespenst der Asienkrise. Die begann 1997 in Thailand, einem für die globalen Finanzmärkte eher unbedeutenden Land. Aus dem Absturz des Baht wurde erst eine internationale Finanzkrise, als die Kapitalflucht auf andere asiatische Schwellenländer übergriff, erst Indonesien, dann Malaysia und die Philippinen. Kurz darauf erfasste die Panik Hongkong und Südkorea, nach wenigen Monaten waren 1998 auch Brasilien und Russland an der Reihe. Gestoppt wurde die Flucht internationalen Kapitals erst durch drastische Regierungseingriffe, aber unter den Folgen dieser Krisen litten die Volkswirtschaften der betroffenen Länder noch viele Jahre später.«